Dienstag, 24. März 2015

Ein Atemzug

Er schloss die Augen. Langsam wurde das Rauschen der Gespräche leiser und leiser, bis es schließlich vollends verstummte. Mehrmals atmete er ein und wieder aus. Sein Herz schlug im Takt des monotonen Klicken des Metronom vor seinem inneren Auge. Sanft hörte er das Blut durch seine Adern pulsieren, es leise in seinen Ohren rauschen. Vorsichtig öffnete er seine Augen. Noch umgeben von all den Menschen, sah er nur mehr die Bewegungen ihrer Lippen, leichte bis angeregte Gestiken. Die Augen neugierig auf ihr Gegenüber gerichtet: Mal schweifen lassend und glasig vom Alkohol der durch ihre Adern strömte und die Wangen rötete. Dann wieder abwesend gelangweilte, teils auch verstörte, oder entnervte Blicke.
Freundlich lächelnd stellte die Kellnerin eine Kanne Tee vor ihn. Auch er lächelte und nickte langsam ein Danke. Er blickte ihr nach, als sie ging. Ihre innere Ruhe faszinierte ihn. Sie verschwand um eine Ecke und er ließ seinen Blick wieder schweifen. Erforschte jedes Gesicht, folgte dem Treiben ihrer Augen, Lippen, Wangenmuskeln. Wie die Hände Bilder in die Luft zeichneten, ein stetes Vor- und Zurücklehnen, das nervöse und ruhige Sitzen oder Wippen im Takt der Musik. Es war unglaublich belebend. Gespannt beobachtete er, wie die Bewegungen erst langsamer und langsamer wurden, um schließlich in einer Momentaufnahme eingefroren zu werden. Es war ein lebendiger Stillstand. Wie in einer Fotografie saßen Menschen in verschiedenster Pose festgehalten. Trinkend, redend, lachend, versonnen oder traurig. Selbst die verschlungenen Wirbel des Dampfes seines Tees waren zu einer weichen, Watte artigen Masse gewandelt. Die Fäden der Musik durchdrangen, durchwoben den Raum, umschmeichelten die Gäste und drangen dann durch kleine Ritzen, Lücken, Spalten hinaus in die kühle Nacht. Langsam, vorsichtig stand er auf, um nicht dieses friedlich, gläserne Konstrukt der Stille, des Stillstandes zu zerstören. Mit sanfter Bewegung wischte er den bläulichen Dunst der Zigaretten beiseite und trat in das Lokal. Lächelnd wand er sich durch die Tische. Veränderte hier und dort einen Ton der Musik, auf dass er harmonischer, bewegender wurde, ergriff einen Lichtstrahl und legte ihn liebevoll auf das Profil einer schönen Frau, dass ihre Züge besser zur Geltung kamen. Er fühlte sich wie ein Maler, der durch sein Gemälde schwamm und sein möglichstes Tat, dem festgehaltenen Moment ein wenig mehr Perfektion zu schenken. So erschuf er nach und nach ein Bild friedlichster Harmonie. Als er an einen Tisch kam, an dem eine einzelne Frau saß, hielt er unwillkürlich inne. Sein Herz schlug aufgeregter, ohne, dass er den Grund benennen konnte. Zaghaft wischte er den Rauch, der ihre Gesichtszüge verborgen hielt, davon und blickte in die Augen einer ihn außergewöhnlich fesselnden Frau. Grasgrüne Augen blickten neugierig auf den Platz, an dem er gesessen hatte, die Lippen zu einem sanften Lächeln geformt. Elegant floss tiefschwarzes Haar das Gesicht umrahmend um ihre Schultern. Er setzte sich vor sie. Entdeckte kleine Lachfalten um die Augen, schwach bläuliche Augenringe versteckt unter einer leichten Schicht aus Makeup. Kleine, smaragdgrüne Ohrringe, fast verborgen unter den Wellen ihrer Haare. Bewunderte die Art und Weise, wie sie mit abgewinkeltem Handgelenk, den Arm auf den Tisch gestützt, die Zigarette hielt. Wollte ihr über die leicht geröteten Wange streichen, traute sich jedoch nicht und zog die Hand wieder zurück. Eindringlich schienen ihn ihre Augen zu betrachten, dass er wohlig lächelte. Er wollte sie fragen, wie sie hieß, wer sie war, warum sie hier war. Aber sie war erstarrt, und somit unerreichbar. Der sie umwerbende Rauch ließ sie surreal erscheinen, wie ein Wesen einer anderen Welt.
Er blickte sich wieder um und seufze tief, die Schultern hängen lassend. Dieser Moment war unbeschreiblich schön, aber das, was ihm fehlte war das Vergängliche, das Lebendige.Er wusste nicht zu sagen, wie viel Zeit er schon damit verbracht hatte einen Moment zu zeichnen, der nur dann vollkommen war, wenn er ihn losließ. Wankend ging er unsicher wieder zurück an seinen Platz in der Ecke des Lokals, erwiderte noch ein letztes Mal den Blick der grünen Augen, ehe er sich langsam setze und die Augen schloss. Tief sog er die Luft ein, als er sie vorsichtig wieder öffnete. Eine Flut der Geräusche überrannte ihn. Alle Menschen bewegten sie wie im Zeitraffer unaufhaltsam schnell. Noch bevor er zu jener Frau blicken konnte hatte sie schon gezahlt und war gegangen. Schnell und immer schneller leerten sich alle Tische, bis er schließlich als Einziger in einem leeren, abgedunkelten Lokal saß. -


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